Die Fußnoten sind auf der Internetseite „www.weststadt-heidelberg-im-wandel.de/fussnotengeschichtsverein/ veröffentlicht. Dort finden sich auch weitere Informationen und Geschichten aus der Gründungszeit des KULTURFENSTERS und des SOMMERSPEKTAKELs
Das „KULTURFENSTER Heidelberg“ ist seit 1993 eine gut etablierte, öffentlich finanzierte pädagogische und kulturelle Einrichtung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Gegründet wurde sie aber bereits 1983 von einer Gruppe junger Leute, die aus dem linksorientieren katholischen Jugendverband „Bund der deutschen Katholischen Jugend/BDKJ/ KJG Weststadt“ (1) kamen, bzw. am Erziehungswissenschaftlichen Seminar (EWS) der Universität Heidelberg studierten. Die ersten 10 Jahre waren sehr bewegt. Es verstand sich in diesen Jahren nicht nur als ein neuer „kommunaler, kreativer Dienstleister“ für Bildung, Kultur und Pädagogik, sondern als Teil der damals entstehenden alternativen, selbstverwalteten Unternehmensszenerie. Viele Projekte diese Szene sind heute etablierte Unternehmungen (2) Typisch für die damalige Zeit war die Kombination von Politik, Pädagogik und Kultur, die bei der „herrschenden“ Stadtpolitik aber überhaupt nicht gut ankam und deswegen auch immer wieder für „Zoff“ mit damaligen Oberbürgermeister R. Zundel sorgte. Diese Konflikte erschwerten die Institutionalisierung und Professionalisierung der vielfältigen Vereinsprojekte, die auf eine gute öffentliche Resonanz stießen. Erst mit der Wahl von Beate Weber (SPD)(2) zur Oberbürgermeisterin (1992) gelang die Etablierung des KULTURFENSTERS in der Mitte der politischen Stadtgesellschaft. Politisch ist es seitdem um das KULTURFENSTER eher ruhiger geworden.
1982/1983
Politische und kulturelle Gründungsimpulse: Mehr Raum für alternative gesellschaftliche Umgangsformen
Die Entscheidung des linkskatholischen Jugend Weststadt und der StudentInnen des EWS , sich institutionell auf eigene Beine zu stellen und einen eigenen Träger für die vielfältigen Aktivitäten der Gruppe zu gründen, wurde durch zwei öffentlich ausgetragene Konflikte im Jahr 1982 ausgelöst: (1) Ein Streit um die Gestaltung des traditionellen Weststadtfestes des Stadtteilvereins und (2) ein kurzfristig verhängtes Verbot einer bereits genehmigten Kulturveranstaltung der KJG Weststadt auf dem Wilhelmsplatz.
Großer Zapfenstreich auf dem Weststadtfest?
1982 jährte sich zum zehnten Mal das „Weststadtfest“ des konservativen, CDU-geprägten Stadtteilvereins (3). Den Charakter des Festes brachte Karl Kischka, ein bekannter Heidelberger Gastronom und CDU-Akteur, beim ersten Fassbieransticht 1973 kurz und knapp auf den Punkt: „er wolle seinen Kindern später einmal sagen dürfen, dass er für mehr Bänke auf dem Wilhelmsplatz habe mit saufen dürfe“(4)
Bild: Überschrift RNZ Artikel, 1982
Die spätere Gründungsgruppe des Kulturfensters – BDKJ/KJG Weststadt – stellte über Jahre hinweg zuverlässig das Bedienungspersonal für das „Mitsauffest“, und bekam dafür jährlich eine finanzielle Zuwendung vom Stadtteilverein. Dafür ertrugen die jungen Leute geduldig drei Tage lang dröhnende bayerische Blasmusik–durften aber bei der Festgestaltung nicht mitreden, was sie immer wieder einforderten. Das „Maß“ war sprichwörtlich voll, als Anfang der 1980er Jahre das Weststadtfest mit einem militärischen Spektakel, dem „Großen Zapfenstreich“, vor der Bonifatiuskirche enden sollte. Zuviel für den pazifistisch und friedensbewegte Jugendverband.
In einer Pressemitteilung am 8.9.1982 erklärten die SprecherInnen der Gruppe: „…wir wollen keinen Großen Zapfenstreich… angesichts einer politischen Weltlage, in der nur noch der Funke zur Explosion fehlt… Diese überholten Formen des Feierns sind nicht notwendig. Es geht auch anders…“.(5)
Der BDKJ/KJG kritisierte zudem die mangelnde Offenheit des Stadtteilvereins, der Kirchen und der politischen Gemeinde für die Bedürfnisse der jungen Weststädter*innen. Die Presseerklärung endete mit der selbstbewussten Ankündigung: „…uns bleibt nur noch übrig, darauf zu hoffen, dass sich immer mehr Weststädter um ihre eigenen Belange kümmern. Wir werden auch in Zukunft diesen Prozess unterstützen.“
Stadtverwaltung verhindert den „Untergang von Heidelberg“
Kurz nach dem Weststadtfest, am frühen Abend des 29. Oktober 1982, trug ein weiteres Ereignis zur Gründung des Kulturfensters bei. In der Tür eines kleinen BDKJ/KJG- Kulturbauwagens auf dem Wilhelmsplatz stand unangekündigt der Leiter des Heidelberger Rechtsamts und erklärte den verdutzten Anwesenden, die von der Stadt erlaubte und gerade eröffnete Veranstaltung sei nun verboten, der Bauwagen müsse unverzüglich vom Wilhelmsplatz verschwinden. Grund: Die vorgesehenen Themen der geplanten Veranstaltungsreihe „Utopien für die Weststadt“ seien nicht genehmigt worden. Es ging um einige damals aktuelle kommunalpolitische Konfliktthemen: die handstreichartig umgesetzte Verkehrsberuhigung in der Weststadt, die zu erheblichem politischem Ärger im Stadtteil führte. Dann die Vorstellung des geplanten „Stattbuches Heidelberg“, einer Übersicht über alternative Projekte und Betriebe in Heidelberg, herausgegeben vom Verlag Das Wunderhorn. Und schließlich sollte der Heidelberger Autor Michael Buselmeier aus seinem neuesten Werk „Der Untergang von Heidelberg“ lesen. Zu Buselmeier hatte Oberbürgermeister Zundel damals eine klare Meinung: “…der Buselmeier, …., den kenn ich jetzt seit 66. Der Buselmeier ist ein Irrer… (er betrachtet)…die Heidelberger Justiz als eine ungebrochene faschistische Tradition…“ (6)
Die harte Reaktion der Stadtverwaltung war offenbar auch eine Folge der Abschlussveranstaltung der davor stattgefundenen einwöchigen Kinderspielaktion der KJG „Schau Dich um in Deiner Stadt“. Sie beschäftigte sich kritisch mit der Spiel- und Freizeitsituation in der Weststadt.
Plakat Spielaktion
Der katholische Jugendverband beugte sich nicht dem städtischen Verbot. Sie beantragte im Herbst/Winter 1982/1983 erneut einen Platz für einen Bauwagen auf dem Wilhelmsplatz, um diesen nun als dauerhaften Treffpunkt für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu etablieren. Die Absage kam prompt und war im typisch belehrenden Ton des Oberbürgermeisters Zundel verfasst: „…Ihre Vereinigung sollte sich um geeignetere Räume für Zusammenkünfte kümmern…. Da ein solcher Bauwagen für Kinder und Jugendliche gerade in der kalten Jahreszeit keine geeignete Versammlungsstätte sein kann, muss ich davon ausgehen, dass Sie damit mehr die Ziele verfolgen möchten, die bei Ihrer letzten Plakataktion angesprochen waren…“ (7) Gemeint waren die Themen der verbotenen Veranstaltung im Kulturbauwagen. Der sarkastische und kaum ernst gemeinte Ratschlag des Oberbürgermeisters gab den letzten Anstoß zur Gründung des Kulturfensters – ganz im Sinne des politisch-alternativen Zeitgeistes: Nimm Deine Dinge selbst in die Hand!
Frühjahr1983: Das Kulturfenster startet!
Die personellen und organisatorischen Voraussetzungen waren gegeben: Zu den BDKJ/KJG-Mitgliedern, familiär im Stadtteil verwurzelt, stießen Anfang der 80er Jahre Studierende des Erziehungswissenschaften Seminars der Universität Heidelberg (EWS). Beide Gründungsgruppen waren eng mit der alternativen und politischen Szene Heidelbergs vernetzt, die sowohl politische als auch finanzielle Unterstützung bot. Die finanziellen Mittel waren dennoch rar, aber es herrschte kein Mangel an Ideen, Konzepten und Projekten für alternative Kinder- und Jugendarbeit.
Im Frühjahr 1983 gründete der Freundeskreis BDKJ/ KJG Weststadt einen neuen Trägerverein für die Stadtteilarbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen: „Kulturfenster e.V.“ Ein kleines Ladenlokal in der Kleinschmidtstraße 9 wurde gefunden, dessen große Fenster zur Namensgebung inspirierten.
Die leitenden Themen des jungen Vereins Kulturfenster e.V. waren: Spielraum für Spielräume in der Stadt, Kultur für Alle und selbstbestimmtes Arbeiten ohne Chefs!
Das hieß: Die Spiel- und Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen in Heidelberg zu verbessern und kreative Freiräume für alle Generationen zu schaffen. Aktive Mitgestaltung der dazu notwendigen Kommunalpolitik. Politisches bürgerschaftliches Engagement, vor allem bei strittigen Themen der Stadtentwicklung. Alles umgesetzt in basisdemokratischen, selbstverwalteten Strukturen im Verein Kulturfenster e.V. Mittelfristig: Schaffung von Erwerbsarbeitsplätzen für einige der beteiligten Studienabgänger*innen des EWS, die sonst von der damals hohen Akademikerarbeitslosigkeit bedroht gewesen wären.
Plakat Spielräume…Kooperationsprojekt mit WERKSTATT Gründungsprogramm
In nahezu jeder Projektlinie des Kulturfensters steckte kommunales Konfliktpotenzial. Politische Einmischung war, aus der Sicht der Gründungsakteure, das „notwendige politische Salz in der pädagogischen Suppe“.
Die stadtteilbezogene, emanzipatorische katholische Jugendverbandsarbeit , orientiert am Konzept der „Pädagogik der Befreiung“ von Paolo Freire, traf auf das Konzept der „Ästhetischen Erziehung“ (nach Friedrich Schiller), das die studentische Gruppe in Form von stadtteilorientierter und mobiler Spiel- und Kulturpädagogik einbrachte. Das Konzept „Kultur für Alle“, das sich von der traditionellen Hochkultur abheben sollte, inspirierte zudem das erste große Starterprojekt „Sommerspektakel“ (1983) auf dem Wilhelmsplatz in der Weststadt sowie weitere Kultur- und Bildungsangebote für Jugendliche und Erwachsene wie bspw. das erfolgreiche Kinderspielstadtprojekt „Mittelalter zum Mitmachen, später „Heidelyork“, eine Ernstfall-Stadtsimulation für Kinder und Jugendliche.
Plakat Kinderspielstadt, Ausstellung, Spielraum für Kinder….
Diese Ansätze ergänzten sich nach Auffassung der damaligen jungen pädagogischenAkteure sehr gut. Sie wollten keine, im klassischen sozialpädagogischen Sinne „Erziehungsarbeit“ oder Beziehungsarbeit“ leisten oder „professionelle Kultur“ anbieten. Stattdessen inszenierten sie pädagogisch wirkende Arrangements, die offene Strukturen und innovative Aktionsformen zu aktuellen Themen boten. Die jeweilige Zielgruppe sollte sich selbst aktiv und selbstbestimmt einbringen und die Arrangements auch verändern können. Dieses Konzept orientierte sich stark an den innovativen und praktischen Projekten der „Pädagogischen Aktion München“ (8) , mit der ein enger Austausch bestand.
Das alltagskulturelle Konzept, auf selbsttätigen, kulturellen „Dilettantismus“ zu setzen, stieß immer mal wieder in den linksintellektuellen, alternativen Kreisen auf Kritik und Spott. Das kommunale Szeneblatt Communale beschrieb diesen Ansatz als „Invasion der Gaukler in Heidelberg“ (9)
Das erste KULTURFENSTER-Großprojekt „Sommerspektakel“ 1983: „Andre Heller hätte der Regiseur sein können“ (RNZ) (10)
Das alternative Stadtteilfest SOMMERSPEKTAKEL in der Weststadt war das erste Großprojekt des jungen Vereins. Es sollte das Konzept eines offenen, pädagogischen und kulturellen Arrangements für alle Altersgruppen exemplarisch in die Praxis umsetzen. Ein Mitmachfest, das sich grundlegend vom Fest des Stadtteilvereins abhob: kein Bierzelt, kein Fassbieranstich, keine kommerziellen Anbieter, kein Coca-Cola (im damaligen Jargon: „imperialistische Yankee-Kloake“), keine Pommes. Stattdessen gab es kreatives Kultur- und Spielchaos auf dem Wilhelmsplatz, Informationsstände alternativer politischer Gruppen, der Friedensbewegung … eben viel Spektakel. Und natürlich auch Bier, Wein und selbstgemachtes, „gesundes“ Essen. Nach ein paar Jahren alles aus Mehrweg-, statt aus Plastikgeschirr, wie sonst damals auf den meisten Stadtteilfesten üblich.
Bild Sommerspektakel, erstes Plakat
Unzeitgemäße Kooperation: Sozialdemokratie und alternative Kulturgruppe
Bevor das Spektakel starten konnte, mussten erneut Hürden aus dem Weg geräumt werden. Die Stadtverwaltung genehmigte zwar das im Frühjahr 1983 beantragte Fest, legte es jedoch auf das gleiche Wochenende wie das Straßenfest der SPD-Weststadt in der Zähringer Straße. Offensichtlich sollten sich beide Feste Konkurrenz machen. Das KULTURFENSTER nahm aber sofort Kontakt mit dem Geschäftsführer der Heidelberger SPD auf, um eine Kooperation anzubieten. Das war allerdings in der alternativen Szene umstritten. Die „Spezialdemokraten“ galten als „Verräter“, mit denen machte man keine gemeinsamen Projekte. Stattdessen solle man doch besser mit der jungen Grünen Partei kooperieren, meinten einige „Politikhäuptlinge“ aus der alternativen Szene. Bei sozialdemokratischen Parteifunktionären fand das Kooperationsangebot ebenfalls keine Begeisterung.
Der SPD-Ortsverein Weststadt, besonders der junge SPD-Rebell und spätere Bundestagsabgeordnete Lothar Binding, fand aber die Kooperationsidee sehr gut. So kam die für damalige Verhältnisse unzeitgemäße Kooperation gegen viele Widerstände zu Stande, 1983 erst in loser, dann ab 1984 in verbindlicher Form. Sie dauerte Jahrzehnte erfolgreich in freundschaftlicher, zuverlässiger und fairer Form an.
Bild Lothar fällt aus dem Rahmen…
Eine bunte, politische Gruppe veranstaltete ab 1984 gemeinsam das Sommerspektakel. Während die „Alternativen“ offen für ihre politischen Anliegen werben konnten, verhielt sich die örtliche SPD, die einen wesentlichen Teil der Organisation stemmte, politisch eher zurückhaltend. Keine Parteifahne, kein Sonnenschirm mit dem SPD-Emblem stand auf dem Wilhelmsplatz. Das war ein Zugeständnis des SPD-Ortsvereins an die „Alternativen“. Diese faire, praktische Zusammenarbeit war bald auch kommunalpolitisch hilfreich. Sie reduzierte gegenseitiges Misstrauen auf beiden Seiten und half ab Mitte der 80er Jahre auf der informellen Ebene, diverse politische Anliegen der alternativen Szene mit den insgesamt inzwischen jüngeren Mandatsträger*innen im Gemeinderat zu besprechen und sie politisch – ab 1984 auch gemeinsam mit der Grün-Alternativen Liste (GAL) und den Liberalen Demokraten (LD) – voranzubringen.
Die Kritiker*innen aus der alternativen Szene machten bald auch ihren Frieden mit dem gelungenen und gut angenommenen gemeinsamen „Sommerspektakel“ mit den Sozialdemokraten. Auch die RNZ kommentierte alsbald sehr wohlwollend diese neue Form des Feierns in der Weststadt: „…Andre Heller hätte der Regisseur sein können“
„Politik ist schädlich fürs Geschäft“. Trotz hoher pädagogischer Qualität.
In den Folgejahren ab 1983 entwickelte sich das pädagogische Konzept der mobilen Spielaktionen mit sehr vielfältigen Themenbezügen außerordentlich erfolgreich, auch und vor allem in den Umlandgemeinden um Heidelberg, die solche Spielangebote bald gegen Bezahlung „buchten“.
Bild 5 Jahre Kulturfenster…Aktivitäten…
Die Kontakte und die Zusammenarbeit mit der Stadt Heidelberg blieben aber mehr als ambivalent. Einige Fachämter der Stadt Heidelberg, z.B. die Museumspädagogik und die Stadtjugendpflege, erkannten wohlwollend das kreative und innovative Potenzial der Projekte des Kulturfensters. Einige Spielaktionen wurden ab 1985 schließlich auch gefördert.
Das Kulturfenster verstand sich jedoch in Heidelberg auch als bürgerschaftlich und kommunalpolitisch aktiver Verein und suchte die Kooperation mit gleichgesinnten Projekten, Gruppen und alternativen Betrieben und mischte sich immer wieder in kommunale-und kulturpolitische kontroverse Debatten öffentlich ein.
Das zur gleichen Zeit gegründete soziale Beschäftigungsunternehmen DIE WERKSTATT e.V. war ein wichtiger Kooperationspartner. Zusammen mit diesem alternativen, selbstverwalteten Sozialunternehmen setzten sie das große kinderpolitische Überthema „SPIELRAUM FÜR KINDER IN DER STADT“ auf die kommunalpolitische Tagesordnung. DIE WERKSTATT e.V. plante und baute kreative, künstlerisch gestaltete Spielplätze und beschäftigten dabei junge Arbeitslose, suchtabhängige Personen und Obdachlose. Das KULTURFENSTER konzentrierte sich auf das Konzept der mobilen Spielpädagogik. Die dafür notwendige sachliche Ausstattung entstand in der WERKSTATT e.V. Neben den fachlichen, sozialen und pädagogischen Schnittmengen beider Vereine teilten sie aber auch das gemeinsame Schicksal, wegen des sozial- und kulturpolitischen Engagements keine Unterstützung von der Stadt Heidelberg zu bekommen.
Das KULTURFENSTER führte Veranstaltungen und Aktionen zur Gentrifizierung der Weststadt, zum desolaten Zustand Heidelberger Kinderspielplätze, Diskussionsveranstaltungen zur Oberbürgermeisterwahl u.a.m. durch. Es beteiligte sich an der Gründung des Heidelberger Netzwerks alternativer Kulturgruppen (Stadtkulturring e.V.), dem Veranstalter des ersten „Heidelberger Kulturfrühlings“ im Jahr …, kritisierte die kommunale Kulturpolitik in der „Collage“ einer regelmässig erscheinenden Beilage der alternativen Stadtzeitung Communale (10).
Die jungen Akteur*innen mussten schmerzlich erfahren, dass Politik das „Geschäft“ beeinträchtigt. Die notwendige kommunalpolitische Anerkennung und die noch wichtigere finanzielle Unterstützung blieben aus. Die grundlegenden politischen Widerstände seitens der Stadtspitze verschärften sich und führten zu absurden Rechtsstreitereien (11).
Selbst die Mitgliedschaft im Deutschen paritätischen Wohlfahrtsverband (DPWV) wurde wegen angeblicher Verbindungen zum ehemaligen Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) abgelehnt. Dank des beherzten Eingreifens der örtlichen Geschäftsführerin des DPWV wurde diese Tür jedoch aufgestoßen. Das Kulturfenster konnte so als Träger der freien Jugendhilfe Anträge auf Förderung stellen. Was nicht bedeutete, dass die Stadt sich an der Finanzierung von Projekten und Stellen tatsächlich beteiligte.
Dennoch gab es für den Verein keinen Grund, sein kommunalpolitisches, bürgerschaftliches Selbstverständnis aufzugeben, im Gegenteil. Zumindest bis in die späten 80er Jahre.
RNZ Artikel…Circus Aktion
Institutionalisierung und Arbeiten ohne Geld: Trotz finanzieller Engpässe viel Engagement
Die finanzielle Lage des KULTURFENSTERS in den 80 er Jahren blieb prekär. Ehrenamtliche Arbeit, oder wie es im Szenejargon damals kritisch genannt wurde, „Selbstausbeutung“, war die wichtigste Ressource. Abgesehen von einem kleinen finanziellen Polster des BDKJ/KJG, den bescheidenen Einnahmen aus den Sommerspektakeln ab 1983, Privatspenden und einem kleinen Zuschuss des Selbsthilfenetzwerks Nordbaden gab es kein Budget für die vielen Projektideen.
Die Mittel des Selbsthilfenetzwerks stammten aus freiwilligen Abgaben von Mandatsträger*innen der neu gegründeten Partei „DIE GRÜNEN“, die alternative und selbstverwaltete Projekte unterstützen wollten. Die monatliche Miete der Räume konnten so gedeckt werden, jedoch nicht die angestrebte Professionalisierung des Vereins. Dies war insbesondere für die studentischen Mitglieder des Vereins von großer Bedeutung, da Absolvent*innen des EWS zu Anfang der 80er Jahre nur schwer bezahlte Arbeitsstellen fanden.
Politischer Lichtblick 1984: Veränderungen im Gemeinderat
1984 zog die GAL (Grün-Alternative Liste Heidelberg) erstmals mit einer einer achtköpfigen Fraktion in den Gemeinderat ein. Für die damals herrschende konservative Mehrheit kam dies einem politischen Erdbeben gleich, während es für die alternative Szene zum politischen Meilenstein wurde. Auch einige SPD-Mandatsträger*innen sowie die „Liberalen Demokraten / LD“ (eine linksliberale Gruppe ehemaliger FDP-Mitglieder) zeigten sich dem neuen Verein gegenüber aufgeschlossen. Politische Mehrheiten im Gemeinderat für eine verlässliche Finanzierung der Kulturfenster-Projekte waren dennoch nicht in Sicht. Immerhin diskutierte nun der Gemeinderat über die Wünsche aus der alternativen Szene.
Bütikofer Wahlplakat
Die zunehmende positive öffentliche Resonanz auf die praktische Arbeit des Kulturfensters half dabei, Ressentiments zumindest auf der städtischen Fachebene weiter abzubauen. Nach kleineren Förderungen 1985 durch die Stadt Heidelberg kam es 1986 zu einer größeren finanziellen Förderung für die erste Heidelberger Kinderspielstadt „Mittelalter zum Mitmachen“ (1986). Diese fand im Jahr des 600jährigen Jubiläums der Universität Heidelberg, in Handschuhsheim in der Tiefburg statt: Es war eine vereinfachte, aber weitgehend historisch korrekte Inszenierung einer mittelalterlichen Stadt mit allen damals vorhandenen sozialen Strukturen. Die Kinder füllten die Strukturen mit Leben, übernahmen alle Aufgaben, die eine mittelalterliche Stadt am Laufen hielten, Sie wurde von Heidelberger Kindern so stark besucht, dass die Teilnehmerzahlen der sonstigen städtischen Ferienangebote darunter litten. Deshalb gab es für die nächste, 1988 geplante, und nun modern konzipierte Kinderspielstadt keine städtischen Mittel mehr. Stattdessen halfen frei akquirierte Stiftungsmittel weiter. „Heidelyork“ fand im Sommer 1987 erneut sehr erfolgreich im Innenhof der Pädagogischen Hochschule statt, mit einer wachsenden Zahl an teilnehmenden Kindern. Aber auch dieses sehr erfolgreiche Großprojekt führte zum nächsten politischen Eklat.
Ist das Kulturfenster eine grün-alternative Propagandatruppe?
Oberbürgermeister Zundel äußerte sich im Sommer 1988, also nach dem erfolgreichen Heidelyork-Projekt 1987, im Südwestrundfunk zunächst positiv zur pädagogischen Qualität der Arbeit des Kulturfensters: „Die außerordentlich hohe pädagogische Fähigkeit wurde vom Rathaus frühzeitig erkannt.“ Doch folgte sofort ein großes Aber: „Es wurde jedoch auch frühzeitig bemerkt, dass die bestimmenden Kräfte im Kulturfenster immer wieder in einer politischen Einseitigkeit agieren und sich gelegentlich tatsächlich als die Propagandatruppe der alternativen Szene verstehen und einsetzen. Die Kinder wurden dazu angeregt, Resolutionen zu verfassen, um die Macht des Rates zu stärken und den übermächtigen Bürgermeister in seiner Autorität zu begrenzen.“(12)
Zundel bezog sich in seiner Kritik auf „Heidelyork“ im Jahr 1987, in der die Kinder den „Heidelyorker Bürgermeister“ absetzten und anschließend ins echte Rathaus in Heidelberg zogen, um Oberbürgermeister Zundel zu bitten, Kinderspielstädte in Zukunft zu fördern.
Ein rebellischer Affront, der erneut bei der realen Heidelberger Stadtspitze auf Ablehnung stieß. (13)
Eine verlässliche öffentliche Förderung des KULTURFENSTERS stand nun mehr denn je in den Sternen. Auf diese hofften aber die studentischen Teile des Vereins, um die sehr erfolgreiche pädagogische Arbeit möglichst rasch professionalisieren zu können.
Kontinuität oder Bruch mit der rebellischen Vergangenheit?
Ende 1988 setzte sich innerhalb des Kulturfensters die studentische Fraktion durch. Sie war an der Schaffung von bezahlten Arbeitsplätzen in einem innovativen pädagogischen Bereich interessiert und suchte daher die institutionelle Anerkennung, anstatt sich weiterhin in kommunalpolitische Streitigkeiten zu verwickeln. Aus diesem Grund war sie bereit zur politischen Mäßigung und verleugneten wahrheitswidrig OB Zundels Vorwurf, dass das KULTURFENSTER durch „grünennahe“ Institutionen, wie das Netzwerk Nordbaden, finanziell gefördert werde (14). Gründungsmitglieder des Vereins entschieden sich, aus dem Verein auszusteigen. Sie waren nicht bereit, den gewünschten Kotau vor der Heidelberger Stadtverwaltung zu vollziehen, nur um mehr Geld zu bekommen (15). Ihr Argument war, dass es sehr wohl möglich sei als Verein eine kritische Haltung gegenüber politischen Verhältnissen einzunehmen, wenn die fachliche Qualität der pädagogischen Arbeit „Top“ ist. Eine Abkehr von einer emanzipatorisch, bürgerschaftlichen politischen Aktivität zu Gunsten von mehr öffentlicher finanzieller Förderung sei ein Verrat an der Geschichte und den Gründungsimpulsen des KULTURFENSTERS (16).
Der Verein entwickelte sich in den Folgejahren auf einer nach wie vor prekären Finanzlage (Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Einnahmen über Kinderspielaktionen, Einnahmen des Sommerspekakels) auf der fachlichen Ebene sehr positiv und erfolgreich weiter. Öffentlich ausgetragene Streitereien mit der Stadtverwaltung wurden nun möglichst vermieden.
Aber erst 1992, nach Reinhold Zundels Rücktritt als Oberbürgermeister und der Wahl von Beate Weber zur Oberbürgermeisterin, gelang die vollständige Integration des Kulturfensters in die städtisch finanzierte Kinder-, Jugend- und Kulturarbeit. Das Kulturfenster kam nun in der Mitte der Heidelberger linksliberalen Gesellschaft an und konnte sich fortan der städtischen Unterstützung erfreuen und die erfolgreiche, kreative pädagogische Arbeit weiter ausbauen. Eine Folge dieser erfolgreichen Institutionalisierung war Anfang der 2000er Jahre der endgültige Ausstieg des Vereins KULTURFENSTERS als Hauptmitveranstalter des SOMMERSPEKTAKELS. Die „Professionellen“ waren nicht mehr bereit, unbezahlt 3 Tage auf dem Wilhelmsplatz als aktive BürgerInnen mitzuwirken. Die wenigen Euro aus den Einnahmen des SOMMERSPEKTAKELS, die regelmässig ans Kulturfenster als Spende gingen, wurden auch nicht mehr benötigt.
Kleines Fazit
Öffentliche Finanzierung, Professionalisierung und Institutionalisierung einer praktischen, pädagogisch erfolgreichen Arbeit führt häufig zum „freiwilligen“ Verzicht eines auf Gesellschaftskritik ausgerichteten, öffentlich wahrnehmbaren bürgerschaftlichen, politischen Engagements. Das ist empirisch evident, nicht nur in der pädagogischen, kulturellen Branche (17). Was davon zu halten ist, wenn man eine offene, demokratische Gesellschaft bewahren will, wäre eine Diskussion wert.